"Lieben Sie Brahms?" Musik im Plenarsaal des Mainzer Landtags

„Lieben Sie Brahms?“ Mit dieser Frage begrüßte Hans-Peter Hexemer, Leiter der Gruppe Kommunikation und Neue Medien, in Vertretung von Landtagspräsident Joachim Mertes das Publikum im voll besetzten Plenarsaal des Mainzer Landtags. Dort fand am 23. Juni 2015 ein Gesprächskonzert in der Reihe „Musik im Landtag“ statt. [...]

Im Mittelpunkt dieses Gesprächskonzerts standen Klavierwerke des jungen Brahms, die von der aus Moskau stammenden, vielfach ausgezeichneten Pianistin Sofja Gülbadamova vorgetragen wurden. Moderatoren waren Dr. Katrin Eich und Dr. Michael Struck, beide Musikwissenschaftler an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Als Mitglieder der Editionsleitung an der Kieler Forschungsstelle der Johannes Brahms Gesamtausgabe setzten die beiden Wissenschaftler in ihren Ausführungen zwei Schwerpunkte: sie machten die Zuhörerschaft mit dem in der musikalischen Öffentlichkeit wenig beachteten dritten Lebensjahrzehnt des Komponisten bekannt und stellten wissenschaftliche Ergebnisse und Erkenntnisse ihrer Forschungstätigkeit für die neue Gesamtausgabe exemplarisch vor.

Wer weiß schon, dass der Teenager Brahms bereits mit vierzehn Jahren sein erstes öffentliches Konzert gab; oder dass der junge Brahms ein ebenso talentierter Kom-ponist wie Pianist war, worüber sein frühester Musiklehrer Otto Willibald Cossel ge-sagt haben soll, „…er könnte ein so guter Clavierspieler sein, aber er will das ewige Componieren nicht lassen.“1) [...]

Katrin Eich erläuterte der Zuhörerschaft editorische Probleme bei der Erstellung der Brahms Gesamtausgabe. So ist das Autograph der fis-Moll-Sonate verbrannt und die Herausgeber sind auf Sekundärquellen mit unterschiedlichen Lesarten, etwa auf die umfangreichen brahmsschen Briefwechsel, angewiesen. Sämtliche hinzugezogenen Quellen werden Takt für Takt in den kritischen Berichten zu jedem Werk eingearbeitet. Insofern erstaunt es nicht, dass die Berichte im Anhang der Edition eines jeden Werkes beinahe die Länge des Werkes selbst haben.

Dann interpretierte Sofja Gülbadamova diese eher selten gespielte Sonate in sehr individueller, aber stets stimmiger Betrachtung, ohne die Gesamtanlage der Kompo-sition aus den Augen zu verlieren.

In einem Exkurs demonstrierte Michael Struck am Beispiel des weitläufig bekannten Ungarischen Tanzes Nr. 5 fis-Moll, welche praktischen Auswirkungen die Erkenntnisse der Forschungsarbeit im Rahmen der Gesamtausgabe haben kann. [...]

Der letzte Teil des Gesprächskonzerts beleuchtete die enge Freundschaft zwischen dem im 19. Jahrhundert bekannten Violinisten und Komponisten Joseph Joachim (1831 - 1921) und Johannes Brahms. Aus dem Briefwechsel zwischen den beiden Musikern weiß die Nachwelt, dass Brahms und Joachim sich im Jahre 1856 wech-selseitig Kompositionsstudien zu Variationensätzen zugeschickt und diese gegenseitig streng kritisiert bzw. Korrekturvorschläge vorgenommen haben. So kann der Leser heute die Entstehung von Joachims "Variationen über ein irisches Elfenlied“ (1856, W. o. O.) sukzessive nachvollziehen. Brahms hingegen hat seine Variationen erst 1862 als Opus 21. Nr. 2 veröffentlicht, nachdem er eine andere, von Joachim stark kritisierte Variationenfolge gründlich überarbeitet hatte.

Die Gegenüberstellung von Joseph Joachims Variationen über ein Elfenlied und Brahms‘ Variationen über ein ungarisches Lied - beide wiederum überzeugend interpretiert durch Sofja Gülbadamova - bildete den Abschluss eines gelungenen musikalischen und musikwissenschaftlichen Abends, für den sich das Publikum mit lang anhaltendem Beifall bedankte. [...]
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1) Alle Zitate sind den Manuskripten von Frau Dr. Katrin Eich und Herrn Dr. Michael Struck entnom- men, die beide der Redaktion des Novelletto dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt wurden.

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